Historischer Campus im Wandel
Simulation statt Wirtschaft – so der funktionelle Wandel eines neogotischen und für den medizinischen Campus entstandenen Bauwerks in Breslau. Die Transformation zum didaktischen Campus erforderte strukturelle Anpassungen. Unter Festigung des historischen Standorts wird die Bausubstanz um moderne Facetten und eine räumliche Neukomposition erweitert.

Der medizinische Campus der Universität Breslau in Polen entstand zum Ende des 19. Jahrhunderts im neogotischen Baustil und nimmt 20 Gebäude sowie diverse Anbauten ein. Der Umbau des 20 Bauwerke umfassenden Gebäudeensembles zum didaktischen Campus belegt die Bedeutung der Institution, die als eine der modernsten des Landes gilt.Bereits 1883 fiel der Entscheid zum Bau eines medizinischen Quartiers der Breslauer Universität. Ausschlaggebend waren der Wunsch nach angemessenen Arbeitsbedingungen und die Bündelung von Einrichtungen unterschiedlicher medizinischer Fachbereiche an einem Ort. Die Architekten Arthur Buchwald und Joseph Waldhaus entwarfen einst das Konzept eines am Stadtrand und inmitten von Gärten gelegenen Gebäudekomplexes. Einen bedeutenden Einfluss auf die Gestaltung hatte Richard Pluedermann, damaliger Leiter des staatlichen Bauamtes. Womit auch die Wahl der Neogotik der einstigen deutschen Stadt als form- und detailgebender Baustil zu erklären ist. Die Entwicklung des damaligen Gesundheitswesens begründete die Aufspaltung in zwei Gebäudetypologien Kliniken und Institute. Professoren beratschlagten bei der Entwurfsplanung, um die notwendigen Strukturen für einen didaktischen und funktionellen Campus sicherzustellen.
Sensible Addition
Im Zentrum des Areals thront ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude, das bis 2015 noch als Hauptküche und Wäscherei für die historischen Kliniken genutzt wurde. Bis 2018 vollzog sich der Wandel zum Simulationszentrum, das einen wichtigen Bezugspunkt auf der Hauptachse des Areals definiert. Der Schornstein ist ein Relikt industriellen Schaffens und zugleich symbolträchtiger Fixpunkt mit identitätsverstärkender Wirkung.
Aufgrund des geschichtsträchtigen und architektonischen Werts stehen die Backsteingebäude unter Denkmalschutz. «Das betrifft besonders die Fassade mit Materialität, Form, Details und Farbigkeit. Die sensible Addition vereinzelter neuer Elemente würdigt den Ursprungszustand», berichtet Anna Stryszewska-Słońska, Architektin bei Heinle, Wischer und Partner. Cortenstahl kennzeichnet beigefügte Bereiche wie den neu inszenierten Haupteingang – subtil modern akzentuiert und deshalb im vollständigen Einklang mit der Backsteinfassade sowie dem gesamten Areal. Eine Rampe zum Gebäude und zwei Aufzüge im Innern ermöglichen die Barrierefreiheit.
Neuzeitliche Strukturen hinter altehrwürdigem Kleid
Modernität konfrontiert Neogotik und führt infolge des Umbaus einen unausweichlichen Kontrast zwischen historischem Baustil und inneren Strukturen herbei. «Mehrere neogotische Nuancen in den Innenräumen verschwanden bereits sukzessiv in früheren Umbauphasen», erklärt die Architektin.
Freitragende Treppen aus Granitstein, ornamentierte Metallgeländer in den Treppenhäusern und Fensterhöhen, Gewölbe sowie die Ziegelkonsolen des ehemaligen Wasch- und Küchenraums wurden hingegen erhalten. Das Raumprogramm des neuen Simulationszentrums deckt unter anderem folgende Funktionen ab:
Simulationssäle mit Patientensimulatoren für die Bereiche: Krankenwagen, Notfall, Ambulanz, OP, Neonatologie, Gynäkologie. Dadurch kann der komplette Ablauf eines Notfalls simuliert werden – vom Krankenhaustransport über die Notfallaufnahme bis zur Operation.
Simulationssäle mit Beobachtungsräumen, in denen die Medizinstudenten an menschenähnlichen Simulatoren medizinische Eingriffe, die Teamarbeit und den Patientenumgang üben können. Die Aufzeichnung der Übungseinheiten erlaubt eine anschliessende detaillierte Auswertung.
Seminarräume für Besprechungen
Magazine für die Simulationssäle
Übungsräume für die Grundlagenvermittlung
Grosser Seminarraum
Zweigeschossige multifunktional nutzbare Säle
Sozialräume
Lesesaal im Souterrain
Büro und Verwaltung
Umkleiden
Weiteres: Verkehrsflächen, Magazine
Historisches modern konserviert
Künftige Ärzte und angehendes medizinisches Personal bekommen in Breslau moderne Ausbildungsmöglichkeiten, um verschiedene medizinische und chirurgische Eingriffe realitätsnah an hoch entwickelten Patientenpuppen zu simulieren. Der Human Patient Simulator (HPS) enthält beispielsweise eine künstliche Lunge zur Nachstellung der Atmung.
Gebäudetechnisch neu bestückt
Der interne Wandlungsprozess belebte auch das zuvor ungenutzte Dachgeschoss. Durch Implementierung von Glasboxen entstand ein multifunktioneller Open-Space-Raum für Seminare und Besprechungen. Fenster und Türen sowie die Dachgauben sind dem historischen Vorbild nachempfunden. Balken im Dachtragwerk wurden verstärkt und punktuell ersetzt, Fussböden sowie Dachdeckung erneuert. Frei sichtbare Lüftungskanäle für eine sanfte industrielle Note bewirken Authentizität hinsichtlich der ehemaligen Gebäudenutzung.
Darüber hinaus ersetzte man die technischen Installationen im gesamten Gebäude. Mechanische Lüftungs- und Kühlungssysteme sowie audiovisuelle Systeme ergänzen die Simulationssäle. Neue Lüftungszentralen erforderten eine bereichsweise Unterkellerung. Abluft entflieht über den bestehenden Schornstein. Fernwärme stammt von den städtischen Fernheizwerken. Ein ehemaliger Heizraum wird stattdessen als Seminarraum genutzt.
Hinsichtlich des funktionellen Wandels lautete die Prämisse des Umbaus: Vervollkommnung bei grösstmöglicher Identitätsbewahrung. Das Bemühen um Authentizität gelingt aufgrund eines sensiblen Umgangs mit dem Gebäudebestand und trägt dessen Bedeutung auch in das nächste Zeitalter. ●
Erneuerung in der Chronologie
– Entkernung des Gebäudes
– Demontage der alten Leitungen und technischen Anlagen
– Abriss von Putz und inneren Wänden
– Demontage der Fenster und Türen, Abriss der Bodenbeläge
– Montage von neuen Aufzügen und technischen Installationen
– Auftragen von neuem Putz
– Montage neuer Fenster und Türen nach historischem Vorbild
– Säuberung der Granittreppen und Metallbrüstungen
– Säuberung von Ziegeln im Innenraum
– Statische Optimierung von Wänden, Decken und Holzkonstruktionen (Austausch von Konstruktionselementen in unzureichendem Zustand)
Bautafel
Bauherrschaft Medizinische Universität Breslau, Polen
Architektur Heinle, Wischer und Partner, Breslau
Fachplanung HKLS und Medizintechnik – GP Omega, Breslau, und ELT – Proinsel Łukasz Bugaj, Breslau













