Exemplarische Verdichtung
Die Basler Reichert Architekten GmbH hat ein ursprünglich viergeschossiges Wohnhaus im Gundeldinger Quartier vertikal wie horizontal mit einer Aufstockung und einer Balkonvergrösserung zu einem zeitgemässen Wohnhaus umgebaut.

Auch in Basel ist die Schaffung von neuem Wohnraum – mit der Begrenztheit urbaner Flächen – ein delikates Thema. Man ist darauf bedacht, und das wird von der Denkmalpflege stark unterstützt, in den verschiedenen Quartieren bestehende und in die Jahre gekommene Wohnsubstanzen, wenn immer möglich, so zu sanieren, dass sich diese auch nach innen verdichten können. Mit dieser Strategie ist es zudem möglich, unterschiedlich grosse Wohneinheiten zu realisieren. So geschehen bei der Sanierung eines Mehrfamilienhauses im Basler Gundeldinger Quartier. Das Wohnhaus an der Neuensteinerstrasse kann als exemplarisches Beispiel dafür stehen, wie bereits vorhandene Strukturen neu verwertet werden können.
Historisches Quartier
Das traditionelle Gundeldinger Wohnquartier ist in den letzten Jahren in Bewegung geraten und entwickelt sich vor dem Hintergrund denkmalpflegerischer Sanierungen und Verdichtung kontinuierlich weiter. Eingebettet zwischen Bahnhof, dem entwicklungsstarken Dreispitzareal und dem topografisch ansteigenden Bruderholz, liegt das Quartier im Süden der Stadt. Im Zuge der Industrialisierung wandelte sich dieser Stadtteil in ein bewährtes Wohnquartier mit kurzen Strassenzügen und den typischen Blockrandbebauungen, zu denen auch das Wohnhaus an der Neuensteinerstrasse gehört. Das Haus selbst ist zweiseitig ausgerichtet: gegen Südwesten zum Hof, gegen Nordosten zum Strassenraum. Sein Gefüge entsprach nicht mehr den heutigen räumlichen, technischen und materiellen Bedürfnissen. Die Architekten gingen aber mit Bedacht und Respekt vor. Sie loteten die Eingriffstiefe unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Vorgaben und vor allem auch der vorgefundenen Qualitäten aus, die es zu erkennen und zu stärken galt. Entscheidend für die Architekten war die Gesamtbetrachtung – vom technischen Bauzustand über das Nutzungspotenzial bis zur Ertragssituation.
Respektvoller Eingriff
Die Liegenschaft wurde 1905 gebaut. Aus den historischen Ansichten ist erkennbar, dass die Nachbarhäuser gegenüber der Neuensteinerstrasse 20 einen höheren First aufweisen. Im Blockrand hat die Liegenschaft ursprünglich nur vier Vollgeschosse und einen Dachraum. Sämtliche Nachbarhäuser haben ein ausgebautes Dachgeschoss, das sich als Normalgeschoss oder als Mansardendach an den Fassaden abzeichnet. Im Blockrand verbindet die Strassenfassade eine klassische Unterteilung: das Erdgeschoss als Sockel, den Mittelteil und das Dach. Der Mittelteil ist nochmals mit einem Fries oberhalb des zweiten Obergeschosses geteilt.
Der Eingriff umfasste auf der einen Seite die Instandstellung und die Volumenanpassung im Blockrand, auf der anderen Seite die Wohnraumerweiterung beziehungsweise die Optimierung der Raumstruktur und die Anpassung der Grundrisse. Dank den differenziert ausgearbeiteten Wohneinheiten verfügt das Quartier nun über geeigneten Wohnraum, der verschiedene Wohnformen zulässt. Die verdoppelte Balkonfläche generiert für jede Einheit privaten Aussenraum. Der Anbau dafür erweitert die Wohnungen hofseitig und erzeugt damit jenes architektonische Element, das mit den Nachbarhäusern zu vermitteln vermag. An diese passt sich die Dachhöhe oberhalb der Aufstockung an. Diese machte den kompletten Rückbau des vorhandenen Daches notwendig. So ergab sich mehr Raum beziehungsweise ein zusätzliches Geschoss, das eine Mehrnutzung von vier Zimmern als Duplexwohnung generiert statt zweier Kleinwohnungen.
Rückgebaute Originalstruktur
Ein in den 1960er-Jahren durchgeführter Umbau hatte die ursprüngliche Struktur des inneren Gefüges «verwässert». Der Rückbau dieser Elemente und die nun präzis eingebauten Nasszellen und Küchen auf den Wohngeschossen verbessern die räumlichen Qualitäten und führen die Grundrisse auf ihre Ursprünge mit den verstärkten Originalqualitäten zurück, auch erdgeschossig: Hier dient das rückgebaute Erdgeschoss, wie das einst war, wieder der gewerblichen Nutzung. Die Wiederaktivierung und -öffnung des strassenseitigen Schaufensters trägt zur Quartierbelebung bei. Darüber organisieren sich die Wohngrundrisse mit erneuerten Bädern und Küchen, haustechnischen Installationen, neuen Oberflächen und Fenstern. Auf den Einbau eines Aufzugs wurde verzichtet. Das zugunsten der Nutzflächen mit den Etagenwaschräumen und den definierten Wohneinheiten in den Geschossen.
Reduktion der Mittel
Die konsequente Reduktion auf das Wesentliche kulminiert in der äusseren Erscheinung. Die Fassade bildet kaum etwas von den inneren Veränderungen ab. Lediglich das veränderte Volumen und die angebaute Balkonschicht verraten die Transformation. So entfaltet die Gestalt architektonisch unprätentiös ihre Wirkung – im Dialog mit den Nachbarbauten. Sowohl strassen- als auch hofseitig fügt sich die sanierte Substanz optisch in die bestehende Häuserzeile ein. Eine selbstverständliche Einbindung ins Quartier – in Absprache mit der Denkmalpflege. Der aus Holzmodulen gebildetete Dachneuaufbau mit weiss lasierter Schalung, das Mansardendach mit seinen vertikalen Dachgauben und das wiederbelebte Schaufenster setzen dabei dezente Akzente. Erst auf den zweiten Blick erschliesst sich der stringente Eingriff auch in der Aussenbetrachtung. ●












