Beispielhaftes Lernen
Die Daniels Faculty of Architecture, Landspace and Design der Universität Toronto hat inmitten von Toronto eines neues Gebäude bezogen. Das Ensemble aus Erweiterungsbau und neogotischem Fakultätsgbäude definiert die Ringstrasse Spadina Crescent neu und ermöglicht im Innern innovative Lehr- und Lernformen.

Was für einen Ort wünschen sich Architekturstudierende, damit sie ihre Kreativität entfalten und sich jene Kompetenzen aneignen können, die für das spätere Berufsleben von Bedeutung sind? Am besten an einem Ort, der selbst Modellcharakter hat, in einem Gebäudekomplex, der die verschiedenen Disziplinen, welche die Universität anbietet – Architektur, Landschaftsarchitektur und Design –, innovativ zum Ausdruck bringt. Für NADAAA Architekten aus Boston waren dies die Themen, welche die Grundlage für ihr Projekt der Daniels-Fakultät bildeten. «Unsere Zielsetzung umfasste zwei Hauptthemen: Zum einen wollten wir die Landschaft, die Architektur und die städtebauliche Bedeutung des Toronto Spadina Crescent mit einer Revitalisierung des Bestehenden und dem Hinzufügen neuer Formen rehabilitieren. Zum anderen war es uns wichtig, das Versprechen der Architekturfakultät – die Nachhaltigkeit – mit dem Einsatz von innovativen Materialien und Systemen umzusetzen», so die Architekten. Die Studierenden sollten ihren neuen Studienort als Vorbild und Inspiration erleben können.Vor der Erweiterung fand sich das neogotische alte Fakultätsgebäude abgeschnitten vom Kontext in der Mitte des Spadina Crecent wieder. Eine Tramlinie und Strasse führte um eine der wenigen Ringstrassen Torontos. Neu führen breite Fussgängerwege auf das Gebäude zu und durch es hindurch. Auch für Fahrräder gibt es einfache Möglichkeiten, die Fakultät zu erreichen. Die Landschaftsgestaltung mit einer neuen Topografie ist sorgfältig und vielseitig, was den Spadina Crescent nicht nur auf der funktionalen, sondern auch auf einer visuellen Ebene viel zugänglicher macht.
Promenade architecturale
Der Erweiterungsbau auf der Nordseite öffnet sich zum einen mit einer breiten Glasfront nach Norden und bezieht auch hier den Aussenraum mit ein, indem sich die digitalen Werkstätten im Erdgeschoss mit einem Falttor auf einen Aussenplatz öffnen lassen. Dies ermöglicht es, Projekte auch unter freiem Himmel auszuführen oder zu präsentieren. Eine weitere Eigenheit der neuen Daniels-Fakultät ist der zerklüftete Erschliessungsbereich im Erdgeschoss, der von Osten nach Westen durchs Gebäude führt. Eine Art «promenade architectural» mit sich verengenden und erweiternden Korridoren empfängt hier die Studierenden, die sich von hier über Treppenaufgänge zu den verschiedenen Studienbereichen begeben können. Das Herzstück, in der Mitte zwischen Bestand und Neubau, ist die Aula, die eine spezielle, sehr flexible räumliche Gliederung aufweist. Entsprechend trägt sie den Namen «Flex Hall». Sie ist so organisiert, dass sie zu allen Seiten hin sogenannte Sattelräume besitzt, die eine Verbindung zwischen den Räumen für Präsentationen, der Studierenden-Lounge und den Studios herstellen. Zugleich kann die Halle komplett für eine grosse Vorlesung abgedunkelt werden. Wird diese Grösse nicht benötigt, lässt sich die Flex Hall mit Schiebewänden in drei Räume für kleinere Vorlesungen, die gleichzeitig stattfinden, unterteilen.
Skulpturale Dachform
Im Obergeschoss des Neubaus befinden sich für die Diplomstudierenden offene Ateliers, die über breite Treppenläufe erschlossen werden. Das bestimmende Element in diesem offenen hohen Raum ist das mehrfach gefaltete Dach, das wie eine Skulptur über den Ateliers zu schweben scheint. Während der Anbau fast hauptsächlich eine Betonstruktur aufweist, besteht das Dach aus einer Stahlrahmenkonstruktion. Die Konstruktion spannt sich über 34 Meter zwischen zwei Servicekernen über die säulenlose Halle. Eine Reihe von drei freitragenden Bindern bildet die Geometrie für die ähnlich Sägezähnen ausgebildeten Dachelemente mit integrierten Oblichtfenstern, die hochwertiges Nordlicht in die darunterliegenden Studios hereinlassen. Als Verkleidung für die drei Stahlbügel dienen Gipskartonplatten, die eine subtile, lineare Fläche zwischen den Oblichtern bilden. Das «Rückgrat» folgt der zentralen Achse des Gebäudes, richtet sich städtebaulich zur Umgebung aus, bezieht aber auch den alten historischen Teil ein. Konstruktiv orientieren sich die Fachwerkbinder aus Stahl an freitragenden Brücken. Die Architekten nennen in diesem Zusammenhang die Forth Bridge in Schottland und die Conferderation Bridge, die New Brunswick mit der Prince-Edward-Insel verbindet. Zwei Kragarme stellen ein Gleichgewicht über vertikale Stützen her und gleichen die verschiedenen Kippkräfte aus.
Bubbledeck
Auch für die Bodenplatten kam bei der Daniels-Fakultät eine innovative Material- und Konstruktionswahl zur Anwendung: sogenannte Bubbledecks. Das Ziel dieser Konstruktion war es, eine Bodenplatte herzustellen, die mit einer durchgehenden «flachen» Platte auf der Unterseite längere Spannweiten erzielen kann. Das wurde erreicht, indem das Betongewicht in der Mitte mittels eingegossener Kunststoffhohlkugeln reduziert wurde. Die längeren balkenlosen Spannweiten der Hohlkörperplatten in Kombination mit der glatten Deckenoberfläche ermöglichten es dem Designteam, Räume, die sonst mit Betonbalken und Paneelen überfüllt gewesen wären, in saubere architektonische Volumen zu verwandeln.
Mit dem sich optisch abhebenden Erweiterungsbau und der Renovierung des neogotischen Gebäudes wurde das historische und vergessene Bauwerk in seiner ursprünglichen Pracht wiederhergestellt. Im Osten schafft zudem ein öffentlicher Platz eine prominente Beziehung zum restlichen Campus. «Der Entwurf des Gebäudes stellt ein Fallbeispiel dar», so die Architekten, «indem pädagogische Probleme mit einer physischen Umgebung konfrontiert werden, die täglich von einem Publikum aus Experten, Kritikern, Lehrern, Praktikern und Studenten – den eigentlichen Protagonisten – bewohnt und getestet wird. Es ist vielleicht eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich das Publikum auf einem höheren Level mit dem Gebäude und seinen Autoren auseinandersetzen kann.» Für NADAAA, so geben sie zu, war der Aspekt, dass das Gebäude als pädagogisches Werkzeug konzipiert wurde, mit einer erhöhten Verantwortung verbunden, das sie auf vielschichtige Weise – räumlich, gestalterisch und konstruktiv – einzulösen vermochten. ●













