Akustik und Hörerfahrung

In der Architektur spielt die Bau- und Raumakustik eine wichtige Rolle. Isolationen bei Fenstern schützen die Bewohner vor Lärm. In den Räumen selbst sind die Hörerfahrungen unterschiedlich. Die Architekturhistorikerin Sabine von Fischer hat mit ihrem Buch «Das akustische Argument» (2019) das Thema Akustik im 20. Jahrhundert aufgearbeitet. Damit bringt sie Architekturschaffenden die historische Bedeutung der Akustik näher, gibt ihnen aber auch ein Vokabular mit an die Hand, über Hörerfahrungen zu sprechen. Damit schlägt sie eine Brücke zwischen Messbarkeit und Wahrnehmung der Töne.

Sabine von Fischer
Titelblatt der Broschüre «Baut ruhige Wohnungen», die in einer Auflage von 100 000 Exemplaren Architekten die technischen Grundlagen zum Schallschutz vermitteln sollte. Abbildung: S. 126
Von Christina Horisberger (Interview)
In der Architektur spielt die Bau- und Raumakustik eine wichtige Rolle. Isolationen bei Fenstern schützen die Bewohner vor Lärm. In den Räumen selbst sind die Hörerfahrungen unterschiedlich. Die Architekturhistorikerin Sabine von Fischer hat mit ihrem Buch «Das akustische Argument» (2019) das Thema Akustik im 20. Jahrhundert aufgearbeitet. Damit bringt sie Architekturschaffenden die historische Bedeutung der Akustik näher, gibt ihnen aber auch ein Vokabular mit an die Hand, über Hörerfahrungen zu sprechen. Damit schlägt sie eine Brücke zwischen Messbarkeit und Wahrnehmung der Töne.

Sabine von Fischer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über die historischen Grundlagen der Akustik zu verfassen? Es besteht ja vor allem heute – unter anderem durch die Verdichtung – eine Dringlichkeit, sich mit der akustischen Wahrnehmung von Raum auseinanderzusetzen. Aber offensichtlich wird das an den Architekturschulen noch zu wenig gemacht.Vor fast zwanzig Jahren, als ich noch als Architektin in New York arbeitete, besuchte ich viele Konzerte. Die einen fanden in riesigen Lofts statt, andere wiederum in kleinen Räumen. Damals begann ich, Komponisten zu interviewen, um in Erfahrung zu bringen, wie sie ihre Musik entwickeln. Dabei konnte ich feststellen, dass das mehrheitlich im Kopf passiert, obwohl ich davon ausging, dass Musiker eine sensibilisierte Raumwahrnehmung haben. Das Hören nach innen und das Hören nach aussen sind aber zeitversetzte Aspekte. Daraufhin entstand die Idee, dass Architekten vielleicht ganz anders dem Raum zuhören. Diesem Aspekt wollte ich vertieft nachgehen.

Was mich damals auch sehr interessierte, war die Art der Darstellung von Raum. Ich habe oft mit Strichperspektiven gearbeitet. Die CAD-Cracks begannen, Renderings zu generieren, die fast aussahen wie Fotos. Dieser «Realismus» hat mich insofern beschäftigt, weil mit ihnen nur das Visuelle erfasst wird und nicht der Gesamteindruck einer Architektur. Ich bin immer noch überzeugt davon, dass, wenn ich eine Strichzeichnung mache, ich mir viel besser vorstellen kann, wie die anderen Sinne in diesem Raum funktionieren: Licht, Ton, Geruch und Tastsinn. Eine Reduktion auf das Visuelle schien mir hingegen das Bewusstsein für die anderen Sinne zu unterminieren. Als ich 2008 dann vom Schweizer Nationalfonds ein Stipendium für meine Dissertation erhielt, begann ich, systematisch das Thema der Akustik und des Gehörsinns zu erforschen. Gleichzeitig gab es immer mehr Veranstaltungen und Diskussionen zu diesem Thema. Die Akustik lag im Zeitgeist.

Eine vereinfachte Strichzeichnung ermöglicht ihrem Verfasser, dass er sich mit diesen anderen Sinnen beschäftigt. Aber das lässt sich nur schwer nach aussen kommunizieren. Wie geht man in der Architektur damit um?

Da fehlen zum einen die Wörter und zum anderen die zeichnerischen Darstellungsmethoden. Das Buch stellt einen Versuch dar, Wörter und Sätze anzubieten, um Akustik und Hörerfahrung zu beschreiben, damit man überhaupt darüber reden kann. Zu den Notationen habe ich auch Workshops mit Architekturstudierenden durchgeführt. Sie erhielten zum Beispiel die Aufgabe, die Akustik eines Raums visuell darzustellen. Im Moment des Zeichnens finden Überlegungen statt, die in der visuellen Übersetzung kommuniziert werden können. Das wird im Allgemeinen zu wenig geübt. Darstellungsmöglichkeiten von Tönen sind auch ein Thema des Buchs.

Ihr Buch will demnach eine Grundlage schaffen, wie in der Architektur über Akustik und Hörerfahrung gesprochen werden kann und wie sie dargestellt werden könnte?

Das war mein Ziel. Zu Beginn war es noch offen, wie weit sich meine Forschungen in die Gegenwart oder die Vergangenheit erstrecken sollen. Am Ende ist es eine historische Arbeit geworden, da sich aus der Distanz bestimmte Dinge besser beurteilen lassen. So habe ich den Zeitraum zwischen 1920 und 1970 in den Fokus gerückt, was für eine historische Arbeit noch eine relativ grosse Zeitspanne ist. Es sind fünf Kapitel entstanden, die jeweils ein bestimmtes Thema betrachten. Man muss nicht das ganze Buch lesen, um die Thematik verstehen und nachvollziehen zu können.

Welche Zeitepoche, welche Thematik bilden den Auftakt zu Ihrem Buch?

Das erste Kapitel widmet sich den Messmethoden, der Objektivierung und der Standardisierung, welche die Akustik von einem Erfahrungswissen zu einer modernen Wissenschaft gemacht haben. Erfahrungswissen ist das, was früher vom Meister auf den Gesellen überging. Dann wurde der Klang zu einer Sache der Physik. Um 1900 entstand die berühmte Formel für die Nachhallzeit, die bis heute verwendet wird. So kam es zu einem Paradigmenwechsel. Man sprach nicht mehr über Empfindungen, sondern über den Messwert in Dezibel. Erst ein objektivierter Wert macht Lärm überhaupt rechtskräftig.

Das scheint mehr mit Rechtsprechung und Politik zu tun zu haben als mit Bau und Architektur.

Es geht tatsächlich im zweiten Kapitel des Buchs um die Geschichte der akustischen Normierung. Überraschend ist eben, dass die Normierung weniger mit Akustik, Architektur oder Technik zu tun hat, hingegen sehr viel mit der Politik, die diese Regeln einsetzt. In der Schweiz und in Deutschland erlebte dies ganz andere Umsetzungen. In der Schweiz gab es erst in den 1970er-Jahren Empfehlungen zur Akustik. Hierzulande war man zurückhaltender mit der Durchsetzung von Normen als in Deutschland.

Ab wann kommt die Architektur ins Spiel, wo wird es historisch für die Architektur spannend?

Das dritte Kapitel habe ich konkret der Bauakustik gewidmet. Im Englischen spricht man von Architectural Acoustics. Der erste Schweizer Akustiker, der an der ETH geforscht hat – eine meiner Leitfiguren des Buchs –, war Franz Max Osswald. Er sprach über Architekturakustik, was eine direkte Übersetzung ist. Wenn man sich der Bauakustik zuwendet und da vor allem das Wohnen anschaut, dann lässt sich nachweisen, dass Bewohnerinnen und Bewohner im 20. Jahrhundert einen immer höheren Anspruch an die Privatsphäre entwickelten. Man wollte mehr Ruhe, heute eine Selbstverständlichkeit.

Wann entstanden denn diese Antilärmvereinigungen, die proklamierten, es sei eine Sache des Anstands, weniger laut zu sein?

Da war zum Beispiel die amerikanische Society for the Suppression of Unnecessary Noise von Julia Barnett Rice. Sie war das Vorbild für die verschiedenen Lärmbekämpfungsvereine in der Schweiz und in Deutschland, die alle an das gute Benehmen appellierten. Spannend ist diese Bewegung, weil man sie mit der Industriegeschichte des 19. Jahrhunderts verbinden kann. Damals war der Gestank das grosse Problem. Der Lärm stand vorerst an zweiter Stelle, hinter dem Gestank in den Städten, was erst durch Kanalisation und Hygienemassnahmen besser wurde.

Es ist natürlich auch eine Sozialgeschichte. Wer Macht hatte, durfte Lärm machen, die anderen nicht. Als 1928 die Lärmmessung in Dezibel eingeführt wurde, ging es nicht mehr um Anstand. Die Argumentationen beriefen sich auf Messbarkeit. Deshalb war es für mich wichtig, die Verwissenschaftlichung von Lärm an den Anfang des Buchs zu stellen.

In diesem Zusammenhang ist es spannend, wie sich die Messbarkeit von Vergleichswerten zu absoluten Zahlen verschob. Als in den 1930er-Jahren Leichtbauweisen eingesetzt und für ihre Hellhörigkeit kritisiert wurden, schrieben die ersten deutschen Normen fest, dass die Isolation so gut sein soll wie ein Backstein. Die dünnen Beton- und Gipswände erfüllten das natürlich nie und nimmer. Zusammen mit dem Wunsch nach mehr Privatsphäre hat sich die Sensibilität gegenüber Lärm noch einmal verschärft.

Und dann kamen in den Haushalten all die Geräte hinzu wie Radio, Fernseher, Staubsauger, Waschmaschine. Wohnlärm war eines der wichtigen Themen in den 1950er-Jahren. Deshalb wurden damals auch die Normen in Deutschland immer ausführlicher, in der Schweiz ebenfalls, nur etwas später.

Wir haben bislang vor allem über die Sensibilisierung gegenüber Lärm im Privaten, im Wohnen gesprochen. Raumakustik betrifft aber auch Bauaufgaben wie Theater- und Konzerthallen, die heute hoch professionalisiert sind, um ein Maximum an Raum- und Hörqualität zu erreichen.

Im vierten Kapitel geht es um Auditorien: Sprech- und Musikauditorien. In diesem Zusammenhang hat mich ein prominentes Beispiel sehr fasziniert: der Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf 1927. Das Spannende daran ist, dass über diesen Wettbewerb schon sehr viel geschrieben wurde, aber ausser Jacques Gubler hat niemand erwähnt, dass die Akustik ein zentrales Thema war. Das ist erstaunlich, zumal es das grösste Auditorium werden sollte, das es zu dieser Zeit je gab. Es gab deshalb schon während des Wettbewerbs heftige Debatten. Auch Pierre Jeannerets und Le Corbusiers Projekt wurde mit der Akustik beworben, weil es kleiner war als andere monumentale Auditorien und demzufolge akustisch wohl tauglicher. Die Architekturhistoriker haben diese Debatte einfach ausgelassen. Akustik war wohl den einen zu technisch, den anderen zu esoterisch, weil es mit Wahrnehmung zu tun hat. So hatte jeder einen Grund, weshalb er sich nicht damit beschäftigte. Und die Sache mit der Akustik wurde noch «verwickelter», als die Elektroakustik mit ins Spiel kam. Das hat es nicht weniger kompliziert gemacht, ob man es jetzt physikalisch oder wahrnehmungstechnisch angehen sollte. Es ist im Grunde genommen immer beides. Deshalb sind Akustiker auch so spannende Menschen, denn sie kennen beide Seiten: Sie können messen – und sie kennen die Schwächen des Messens, weil sie wissen, dass auch viel mitspielt, was sich nur schwer nachweisen lässt. Ob jemanden ein Geräusch stört, hat ja auch viel mit unserer momentanen Verfassung oder mit dem Alter zu tun.

Akustik ist heute ein grosses Thema, um das man nicht mehr herumkommt, auch weil man weiss, dass Menschen Räume über das Gehör sehr unterschiedlich wahrnehmen.

Genau deshalb ist das fünfte Kapitel der Versuch, auf das Thema der Erfahrung einzugehen. Es behandelt Episoden und Bauten, bei denen man sich intensiv mit der Dualität von Messbarkeit und Erfahrung auseinandergesetzt hat. Ein Bauwerk, das sehr viel zitiert wird, ist der Pavillon von Le Corbusier und Yannis Xenakis an der Weltausstellung in Brüssel 1958. Ich habe dazu die schöne Geschichte gefunden, dass Le Corbusier die Idee für den Pavillon auf einem Spaziergang mit seinem Hund gekommen ist. Mit diesem Tagebucheintrag konnte ich nachweisen, dass ihm die akustischen Ideen im Alltag begegnet sind und dass sie wenig mit Technik zu tun hatten. Deshalb schliesse ich auch ab mit den Stadtspaziergängen. Diese gab es bereits in den 1960er-Jahren. Sie sind bis heute wichtige Instrumente, um zu sensibilisieren. Bevor man nicht für die Vielfalt der Töne sensibilisiert ist, muss man gar nicht über Lärmbekämpfung reden.

Es geht also im Endeffekt darum, Architekturschaffende – nebst den Akustikern sind sie das Zielpublikum Ihres Buchs – für Hörerfahrungen zu sensibilisieren?

Bevor ein Architekt die Bauherrschaft von einer akustischen Massnahme überzeugen kann, muss er sich selbst darüber Gedanken machen. Bei Architekturstudierenden finde ich das Zeichnen sehr wichtig, um es noch einmal zu betonen. Damit kann man in kurzer Zeit viel erreichen. Und damit kommt sehr viel schlummerndes Wissen zusammen, das aktiviert wird. Ich finde es wichtig, zu zeigen, wie viel Möglichkeiten es gibt.

In den Workshops war ich erstaunt darüber, wie viele verschiedene Zeichnungsarten hierfür gewählt wurden. Jeder hat für sich eine Technik entwickelt. Bei so einem vagen Gebiet wie der Hörwahrnehmung gibt es nicht eine richtige Art. Es muss jeder für sich herausfinden, wie er das für sich übersetzen kann. Es gab Zeichnungen mit Farben für Intensitäten oder mit Strukturen und Texturen. Das ist dann eine ganz individuelle Ebene, die nebst der technischen Messbarkeit ein wichtiges Werkzeug für Architekturschaffende stellt. ●

«Man kann sich in einzelne Kapitel des Buchs vertiefen und so die historische Dimension der Akustik verstehen.» Sabine von Fischer
«Mit Architekturzeichnungen lassen sich die vielen Sinneserfahrungen, welche die Architektur ausmachen, besser darstellen als mit Renderings.» Sabine von Fischer
Sabine von Fischer
Lärmkritik als Architekturkritik: Moderne Leichtbauweisen hielten in den Anfangsjahren nicht allen Anforderungen stand. Illustrierte Seite aus der Zeitschrift «Das Werk», 1930. Abbildung: S. 109
Sabine von Fischer
Franz Max Osswald kritisierte in seinem im Juli 1927 in der SBZ veröffentlichten Kommentar zu den Wettbewerbseingaben Völkerbundsaal verschiedene akustische Lösungen und die damit verbundenen Probleme. Abbildung: S. 211
Sabine von Fischer
Kreismuster illustrieren die Schallausbreitung von Norm- und Vergleichshammerwerk. (Quelle: «Baut ruhige Wohnungen» 1957). Abbildung: S. 159
Sabine von Fischer
Mit «Sound Types» überschriebene Karte: Michael Southworth ordnete 1967 den Schallqualitäten jeweils ein Symbol zu. Abbildung: S. 324
Sabine von Fischer
Schallfotografische Studien von Franz Max Osswald. Abbildung: S. 229
Dorothea Furrer
Die Radiosprecherin Dorothea Furrer um 1964 in einem reflexionsarmen Laboratorium. Das Bild entstand während Tonaufnahmen mit ihrem Vater Willi Furrer, Titularprofessor für Elektroakustik an der ETH Zürich. Abbildung: S. 255
Fischer sabine
(Visited 127 times, 1 visits today)

Weitere Beiträge zum Thema

up to date mit dem
Architektur+Technik Newsletter
Erhalten Sie exklusive Trends und praxisnahe Innovationen mit Architektur+Technik –direkt in Ihr Postfach.
anmelden!
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link