Umbau einer ehemaligen Kleiderfabrik

Nach mehrjährigem Planungs- und Bauprozess generiert der Umbau der altehrwürdigen Anlage einen Nutzungsmix, der zwischen Wohnen und Arbeiten, Kultur und Freizeit oszilliert.

Fabrikgebäude
Von Lukas Bonauer (Text) und Daniel Fertsch (Bilder)
Nach mehrjährigem Planungs- und Bauprozess generiert der Umbau der altehrwürdigen Anlage einen Nutzungsmix, der zwischen Wohnen und Arbeiten, Kultur und Freizeit oszilliert.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts galt die Ortschaft Wangen bei Olten als typisches Bauerndorf, ehe die Stadtrandgemeinde mit der zunehmenden Industrialisierung umliegender Städte in Berührung kam. Ansässige Gewerbebetriebe weiteten sich stark aus, neue Industrien und Gewerbe siedelten sich mehr und mehr an – darunter ein industrieller Betrieb zur Fertigung von Herrenhosen, der sich rasant entwickelte und zu einem führenden Modefachgeschäft der Schweiz avancierte – bekannt unter dem Namen Kleider Frey.Doch seit Mitte der Neunzigerjahre standen die zusehends verlotternden Fabrikgebäude leer. Es brauchte die Initiative einer Stiftung, die das Sanierungs- und Umnutzungspotenzial der Anlage erkannte. Der schliesslich zustande gekommene Umbau generiert in den alten Gemäuern einen Nutzungsmix, der zwischen Wohnen und Arbeiten, Kultur und Freizeit oszilliert. Damit erweckt der Eingriff Tugenden wie Unternehmergeist, Zukunftsglaube und Schaffenskraft, die in den ehemaligen Produktionsräumen geschlummert haben, wieder zum Leben.

Charme sollte bewahrt werden

Es ist über 20 Jahre her, dass die renommierte Kleiderfabrik Frey AG geschlossen wurde. Nach Jahren der Zwischennutzung und des Leerstands erkannte die Stiftung Abendrot aus Basel das Umnutzungspotenzial der altehrwürdigen Anlage. Die Stiftung sicherte den Erhalt des Gebäudes und entwarf innerhalb der folgenden vier Jahre Nutzungsstrategien – mit dem Ziel, die Verquickung elementarer Lebenssituationen im einstigen Firmenkomplex zu vollziehen respektive Arbeiten und Wohnen unter einem Dach zu vereinen. Dabei sollte der Charme der Frey-Fabrik bewahrt und mittels baulicher Eingriffe ins neue Jahrhundert überführt werden.

Sowohl die Lage als auch die Struktur der Architektur waren dafür ideal. Das ehemalige Fabrikanwesen bietet tageslichtdurchflutete, hohe, um einen grossen Innenhof angeordnete Räume ebenso für Gewerbetreibende wie auch für Bewohnerinnen und Bewohner. In der Hauptsache besteht die Anlage aus einem 1912 erstellten Gebäudekomplex und einem zweistöckigen Hallenanbau aus dem Jahr 1939 (ehemalige Nähhalle) und erinnert mit ihrem herben Cachet mitunter an ein etwas bescheideneres brandenburgisches Landschlösschen.

Knapp 4000 Quadratmeter Nutzfläche (ohne rückwärtige Halle) hält die einstige Industrieanlage bereit, aufgeteilt in knapp 1100 Quadratmeter Wohn- und 2750 Quadratmeter Gewerbefläche, was etwa zwei grosszügig veranschlagten Eishockeyrinks entspricht. Eigentliches Prunkstück der Anlage ist die ehemalige Nähhalle, in der einst die Uniformennäherei beheimatet war und die mit knapp 1600 Quadratmetern für hiesige Verhältnisse schon fast epochale Ausmasse aufweist.

Die präzise Auslotung der Eingriffstiefe war Grundvoraussetzung, um die Industriegeschichte der Kleider Frey zu berücksichtigen und prägende Merkmale der einst ersten Bauetappe herausschälen und sichtbar machen zu können – dies ganz im Sinn des zuständigen Architekturbüros Robert & Esslinger, das sich seit Jahren als eine der Kernkompetenzen für eine angemessene Verwertung historischer Substanzen einsetzt.

Der bauliche Rahmen forderte die Charmeerhaltung der aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammenden Fabrik und damit die maximal mögliche Erhaltung des Bestands genauso wie möglichst tiefe Umbaukosten. Ein Spagat, der einen pragmatischen Umgang mit der alten und der neuen Bausubstanz und langjährige Erfahrung voraussetzt.

Vertikale Gliederung

Die vorerst stark gewichtete horizontale Schichtung der Gebäudestruktur kommt beim realisierten Projekt nicht mehr zum Tragen. Die vertikale Schichtung erlaubt einen einfacheren Umgang mit den Brandschutz- bzw. Schallschutz-Rahmenbedingungen und die Mitnahme der vorhandenen Bodenmaterialisierung – Massnahmen, welche zugleich die Baukosten senkten.

Durch die vertikale Gliederung der Raumstruktur entstanden neue Raumerlebnisse mit den Maisonette- und Atelierwohnungen in den Seitenflügeln, im Obergeschoss durch die Raumbox, in welcher Küche, Sanitärräume und Vertikalerschliessung untergebracht sind.

Insgesamt sind drei über die gesamte Anlage verteilte Nutzungslayouts entstanden; lichtdurchflutete ein- oder zweigeschossige Einheiten, die als Wohnlandschaft oder Ateliers genutzt werden können. Eine räumliche Verdichtung von kreativem Wirken im Erdgeschoss und zugehörigem Loftwohnen im Obergeschoss, alles in adäquater Industrieatmosphäre: etwa in Beton gestrichene Böden, belassener erdfarbener Grundputz auf den Wänden und sichtbar geführte Leitungen. In der ehemaligen Nähhalle mit den hohen Decken und raumhohen Fenstern wurden verschiedene Ausbauvarianten geprüft. Die Stiftung Abendrot hat sich entschieden, für die Nähhalle das Konzept «wohnen und arbeiten», das sich in der ersten Etappe bewährt hat, umzusetzen. Die darunterliegende Lagerhalle organisiert sich neu als Autoeinstellhalle. Inneres Zentrum der Anlage ist der Hofraum des Südgebäudes. Darum reihen sich die Loftwohnungen, welche aus einem Atelier im Erdgeschoss und einer zugehörigen Wohnung im Obergeschoss bestehen, was sie zu einer wirklichen Rarität macht. Der Innenhof funktioniert als Zugang zu den einzelnen Mieteinheiten und verbindet diese zugleich als eigentliche Begegnungszone. Eine sich gegenseitig anregende Nutzungsvielfalt aus Handwerkern, Künstlern und Kreativen anderer Kulturfelder, die sich dort insbesondere in der warmen Jahreszeit unter einem schattenspendenden Baum treffen und austauschen können.

Dieser vielfältige Mix der neuen Nutzer verleiht dem ehemaligen Kleider-Frey-Areal eine neue Identität. Und mit der Wahrung und angemessenen Behandlung der altehrwürdigen Substanz atmet die transformierte Anlage zugleich die Zeit der industriellen Entwicklung weiter. ●

Zur Geschichte der Kleiderfabrik Frey

1909 gründete der damalige Lokomotivführer Arthur Josef Frey zusammen mit seiner Frau Emma, einer gelernten Schneiderin, in Wangen bei Olten einen industriellen Betrieb zur Fertigung von Herrenhosen. Es war praktisch das erste Industrieunternehmen im damaligen Bauerndorf.

Drei Jahre später bezog das Gründerehepaar mit 35 Näherinnen den ersten Fabrikneubau. Das Unternehmen entwickelte sich rasant und wurde schnell zu einem führenden Modefachgeschäft schweizweit, das sich auf Männermode spezialisierte. Der Slogan «Ei … ei … ei … Kleider Frey» war weitherum bekannt. Zu den besten Zeiten arbeiteten 700 bis 800 Männer und Frauen im Unternehmen in Wangen, das bekannt war für fortschrittliche Arbeitsbedingungen – mit einer Fünftagewoche etwa und einer Pensionskasse, lange bevor dies bei anderen Unternehmen spruchreif war.

Ende des letzten Jahrhunderts ging es aber mit der Wangener Firma rasant abwärts. Schweizer Unternehmen konnten nicht mehr mit denen aus dem Ausland mithalten. Mitte der Neunzigerjahre kam dann das definitive Ende – ein Schock für die ganze Region. Die Gebäude wurden verkauft und verlotterten zusehends, bis 2012 die Basler Pensionskassenstiftung Abendrot das Anwesen übernahm. Der Name Frey stand bereits im 17. Jahrhundert in Verbindung mit dem Schneiderberuf in der Region. Das heutige Hofgebäude reicht zurück bis ins Jahr 1912, als die Unternehmensgründer Arthur und Emma Frey-Reimann das Grundstück neben ihrem Wohnhaus erwarben, um darauf die erste Kleiderfabrik zu erstellen. 1918 erfolgte der Auf- und Anbau der Liegenschaft zu einem u-förmigen Gebäude, ausgestattet mit einer für damalige Verhältnisse hochmodernen technischen Infrastruktur. Die dritte und letzte bauliche Erweiterung, der Bau der Nähhalle, wurde 1939 vorgenommen.

Der grosse Innenhof
Der grosse Innenhof funktioniert als Zugang zu den einzelnen Mieteinheiten und verbindet diese zugleich als eigentliche Begegnungszone.
Fabrikgebäude kuche
Das ehemalige Fabrikanwesen bietet tageslichtdurchflutete, hohe Räume für Gewerbetreibende wie auch für Bewohnerinnen und Bewohner.
Südfassade
Südfassade
Ansicht Nordflügel
Ansicht Nordflügel
Erdgeschoss
Erdgeschoss
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