Weiterbauen – Ohne Ecken und Kanten
In den ehemaligen Silos der Hefefabrik Hindelbank, wo noch vor 20 Jahren Melasse gelagert wurde, sind vier aussergewöhnliche Wohnungen entstanden. Ein Rundum-Wohlgefühl für die Mieterschaft.

Über hundert Jahre lang prägte die Hefefabrik im bernischen Hindelbank das Erscheinungsbild der Emmentaler Gemeinde. 1948 kamen die beiden Stahlsilos dazu. Die darin gelagerte Melasse – ein Nebenprodukt der Zuckerfabrikation – diente als Nährboden für die Hefe. Als die Hefeproduktion 1995 eingestellt wurden, folgten die ersten Bestrebungen, die unter Denkmalschutz stehenden Industrie-Produktionsstätten zu einem kleinen Wohnquartier umzufunktionieren.In einem ersten Schritt entstanden in den Fabrik- und Gewerberäumlichkeiten mehrere Loftwohnungen und Ateliers. Für die beiden zum Fabrikkomplex gehörenden Silos galt es indes, eine mehrheitsfähige architektonische Lösung zu finden. Was nicht so einfach war, galten die beiden grünen Ungetüme nicht gerade als Augenweide erster Güte. Trotzdem nahm Beat Schär, von der Schaer und Suter Immobilien AG die Herausforderung an und plante vier kreisförmige Wohnungen für die beiden Silotürme. Dies nachdem ein Vorgängerprojekt eines anderen Architekten nie zur Umsetzung kam. Knapp 10 beziehungsweise 7 m betragen die Durchmesser der beiden Silos mit einem Gesamtvolumen von 1470 m³. Für den Planer Beat Schär war von Anfang an klar, dass die kreisförmige Formensprache der Silos im ganzen Bau lesbar sein musste. Durch die nicht ganz einfachen baulichen Gegebenheiten erfolgte die Umsetzung in einem «Work in progress»-Verfahren. In einem ersten Schritt wurden für die vier Wohnungen drei Böden in die beiden Stahl-Baukörper eingezogen. So entstanden im grösseren Silo im Erdgeschoss und im ersten Stock je ein 70 m² grosses Loft. Im kleineren Silo dagegen sind die beiden unteren Stockwerke zu einer knapp 80 m² grossen Maisonnettewohnung realisiert worden. Das Herzstück indes befindet sich in den oberen Stockwerken. Dabei wurden die obersten Stockwerke der Türme jeweils zu einer zweigeschossigen, über 200 m² grossen Wohnung vereinigt, die auf beiden Ebenen über leicht Höhenniveau-verschobene Passerellen verbunden sind.
Um der runden Formensprache Rechnung zu tragen, sind auch die beiden grosszügigen, luftig leichten Terrassen kreissegmentförmig angelegt und lassen so den Blick ungehindert in die hügelige Weite des nahen Emmentals schweifen. Für die Aussicht wurden aus den Silo-Umfassungswänden der Terrasse grosse kreisförmige Aussparungen herausgeschnitten. Als abschliessende Höhenbegrenzung fungiert die ursprüngliche Silo-Reling. Für die Umsetzung des ehrgeizigen Projektes liess sich Schaer vom Schiffsbau inspirieren. Die 8 mm dicke Stahlaussenhaut, die sich in der Wandstärke gegen oben verjüngt, wurde innen mit einer Holzriegelkonstruktion versehen und mit Gipsplatten verkleidet.
Die eigentliche Schwierigkeit habe darin bestanden, der inneren Hülle eine von der Stahlaussenwand unabhängige eigene Statik zu geben, wie der für die Ausführung zuständige Architekt Fred Wittwer erläutert. Insofern läuft auch die Holzdecke sternenförmig auf die einzige tragende Stütze im Raum zu. Aus statischen Gründen, um die Aussenhaut des Silos stabil zu halten, wurde auch für die Fenster eine lange, schmale Form gewählt. Die dafür nötigen Aussparungen mussten speziell von einem Stahlfachmann ausgeschnitten werden.
Platzoptimierung im Fokus
Ein weiterer, nicht unwesentlicher Faktor war die Optimierung des Raumangebotes. Für den Planer ein Grund mehr, konsequent auf eine runde Formensprache zu setzen, um nicht unnötig Platz zu verlieren. Wie eine innere Silowand umfasst das Holzständerrieg mit der Gipsverkleidung schlussendlich die innere Aussenwand der Lofts. Ein weiteres Thema war die Wärme- und Schalldämmung. Um einen guten Isolationswert zu erhalten, entschied sich Schaer einmal mehr für ein Verfahren aus dem Schiffsbau.
Dabei wurde der Isolationsschaum auf Polyurethanbasis direkt auf die Silostahlwand aufgesprüht. Obschon bei diesem ungewöhnlichen Bau die eine oder andere Hürde genommen werden musste, seien diese im Endeffekt kleiner gewesen als ursprünglich erwartet, betont Schär. Diese betrafen unter anderem optische Aspekte, die es technisch zu lösen galt. Beispielsweise die korrekte Setzung der wenigen Innenwände. Weil das Auge sich bekanntlich immer zum Zentrum richtet, konnten die wenigen Trennwände nicht einfach auf die Raummitte ausgerichtet werden. Vielmehr mussten sie, um optisch nicht aus dem Zentrum zu laufen, wie Kuchenstücke in den Raum eingefügt werden. Konsequent im Industrie-Look blieb man auch bei den Bodenbelägen. Um gleichzeitig eine schlichte, moderne Optik zu erhalten, wurde eine Spachtelmasse auf Grauzementbasis auf alle Böden aufgetragen. Dies nachdem die Leitungen für die Bodenheizung sternenförmig auf die Holzlattung verlegt worden war. Geheizt werden die Wohnlofts durch Biogas-Fernwärme. Eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung sorgt dabei für ein angenehmes Raumklima. Die Collage-artig angelegten lang gezogenen und mit französischen Balkonen versehenen schalldichten Fenster in Dreifachverglasung lassen den Lärm aussen vor.
Was nicht unwesentlich ist für das Wohlbefinden der Bewohner, befindet sich der ehemalige Industriekomplex doch an einer stark befahrenen Strassenkreuzung. Konsequent in der Industriesprache blieb man auch innerhalb der Zugangserschliessung.
Sowohl die durchbrochenen, luftigen Aussentreppen, die Brüstungs- und Handlaufelemente wie auch die Innentreppen sind in Metall gehalten. Keine grossen Sprünge in Sachen Aussenraumgestaltung liess die flächenmässig begrenzte Parzellendimension zu. Trotzdem darf sich auch diese sehen lassen. Im Wechsel mit Kies- und Rasenflächen, dekorationsmässig mit Versatzstücken aus der industriellen Vergangenheit ergänzt, wurde geschickt aus der Not eine Tugend gemacht.
Eine weitere planerische Herausforderung bezüglich Innenausbau war die Küche. Vorerst wurde alles nur in groben Zügen geplant. Tatsächlich basierte die Wahl der Küchen schlussendlich auf einer spontanen Eingebung. Durch die Lieferung der Isolation in Fässern war für den Planer plötzlich klar, dass die Küchen auf der Grundlage von farbigen Fässern aufgebaut werden mussten. Im Internet fand Schaer unter dem Begriff «Faszination» junge, innovative Möbelbauer aus dem deutschen Dresden, die Möbel aus Fässern herstellen. Anhand einer auf die Masse der Fässer konstruierten Musterküche konnten in einem ersten Schritt Optik, Funktionalität und Form geprüft werden. Während die Küchenzeilen der unteren Wohnungen an einer geraden Innenwand stehen, waren die umsetzungstechnischen Hürden bei der obersten Wohnung etwas grösser. Musste diese doch an die runde Aussenwand angepasst werden. Dank den bereits bekannten Massen der vorgängig ausgeführten Zimmerarbeiten kam es aber auch hier nicht zu grösseren Problemen. Schlussendlich mutierten die offenen und farbigen Fass-Küchen in den Loftwohnungen zu einem skulpturalen Blickfang, indem sie gleichzeitig den roten Faden der runden Formensprache aufnahmen.
Einfallsreichtum war auch beim Entwurf der übrigen Inneneinrichtung gefragt, da bekanntlich konventionelle Möbel in einem runden Raum nicht funktionieren. So mussten denn nach einem speziellen Raumkonzept Regale und Schränke individuell auf Mass hergestellt werden. Bei so viel runder Harmonie lässt es sich für die Bewohner zwanglos leben. Die Blicke der Passanten indes sind dem einzigartigen Bau dabei gewiss.















