Bildungsbauten – Behutsamer Umgang mit einem Zeitzeugen

Das Gymnasium Strandboden in Biel wurde von Architekt Max Schlup konzipiert und entstand zwischen 1976 und 1980. Der von den Einheimischen liebevoll «Gymer Strandbode» genannte Gebäudekomplex gilt als Zeitzeuge der Solothurner Schule und wurde von 2013 bis 2016 erweitert und saniert.

Gymnasium
Von den Treppenhäusern führt der Weg über Balkone zu den Unterrichtsräumen.
 Gymnasium Strandboden  Biel
Von Patricia Brandeville (Text) und Zeljko Gataric (Bilder)
Das Gymnasium Strandboden in Biel wurde von Architekt Max Schlup konzipiert und entstand zwischen 1976 und 1980. Es gilt als Zeitzeuge der Solothurner Schule und ist erweitert und saniert worden.

Mit der Kantonalisierung sind die Gymnasien der Stadt Biel im Baurecht in das Liegenschaftsportfolio des Kantons Bern übergegangen. Bei einer Bestandesaufnahme wurden an der zwischen 1976 und 1980 entstandenen Schulanlage Strandboden verschiedene Mängel festgestellt. So wiesen die klimatisierten Klassentrakte mit ihren geschlossenen Fassaden und dem innen liegenden Sonnenschutz einen unverhältnismässig hohen Energieverbrauch auf. Die Haustechnikanlage und die Gebäudehülle erreichten das Ende ihrer Lebensdauer oder hatten sie bereits überschritten, Sicherheits-Standards waren nicht mehr gewährleistet.Aus diesem Grund wurden die bestehenden Schulbauten umfassend saniert und baulich angepasst. Zudem wurde die 27 414 m² grosse Anlage durch einen Neubau auf der linken Seite der Schüss ergänzt. Dadurch liessen sich neben dem Gymnase français de Bienne die beiden vor sechs Jahren zum Seeland-Gymnasium fusionierten Schulen Deutsches Gymnasium und Gymnasium Linde örtlich zusammenlegen. Der Erweiterungsbau, geplant von Brügger Architekten AG in Thun, ist ein Ingenieur-Holzbau mit drei Obergeschossen im Minergie-P-ECO-Standard, in dem sich 25 modern ausgestattete Unterrichtsräume und Labors für die Naturwissenschaften befinden. In den zwei Untergeschossen sind eine Velo-Halle sowie die Haustechnik untergebracht. Der Erweiterungsbau bezieht sich in Stil und Anordnung auf die Anlage von Max Schlup, einem der Protagonisten der sogenannten Solothurner Schule.

Zu schützender Zeitzeuge

Das Schienenfeld des Bieler Bahnhofs trennt das Stadtzentrum vom Seebecken. Der rund 250 m breite Uferbereich ist grösstenteils eine locker bebaute und stark durchgrünte Parklandschaft. Vom Gymnasium mit dem passenden Namen «Strandboden» sind es tatsächlich nur wenige Schritte bis zum Seeufer. Der Schulhauskomplex liegt an der Schüss, dem kleinen Fluss, der Biel als schnurgerader Kanal durchquert. Das Gymnasium Strandboden wurde als Anlage mit drei unterirdisch verbundenen Pavillons im Park konzipiert; drei frei stehende dreigeschossige Volumen stehen auf einem gemeinsamen Untergeschoss. Sie gruppieren sich auf der rechten Seite der Schüss locker um einen Pausenhof. Über eine Brücke ist die Sporthalle am gegenüberliegenden Flussufer erschlossen.

Die Sanierung der bestehenden Bauten gab Anlass zu angeregten Diskussionen. Zwar bestand Einigkeit, dass die Anlage in ihrem bisherigen Erscheinungsbild erhalten bleiben soll, doch bei der Frage nach der Tiefe der Eingriffe und der Interpretation des Erhaltens gingen die Meinungen auseinander. Ist ein Gebäude, das auf den Rohbau reduziert und anschliessend neu aufgerüstet wird, noch ein Original? Der Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Biel-Seeland, und ein Komitee «Rettet den Gymer Strandbode» kämpften für einen behutsameren Umgang mit dem Komplex. Es wurde ein Rekurs eingelegt, den das zuständige Regierungs-Statthalteramt Biel aber abwies. Doch die Verantwortlichen waren sensibilisiert; das Bewusstsein, Hand an einen wichtigen Bauzeugen zu legen, begleitete die ganze Umsetzung des Projekts, das Raum für 1200 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bietet. Für die Sanierung der bestehenden Schulbauten wurde ein Architektur-Wettbewerb durchgeführt, den Maier Hess Architekten in Zürich gewannen. Maier Hess Architekten zeichneten für die Gestaltung des Fassaden-Konzepts, die Erstellung der TU-Submissionsunterlagen des Architektur-Teils sowie für die gestalterische Leitung während der Ausführung verantwortlich. Mit der Ausführungsplanung wurden die Berner Architekten Schwaar & Partner AG in Bern betraut.

Fassade als Knackpunkt

Der Bauablauf wurde in Etappen organisiert. Die Arbeiten begannen 2013 mit der Errichtung des Neubaus, ab Frühjahr 2014 erfolgte die Sanierung der bestehenden Bauten. Insgesamt dauerten die Arbeiten bis im Sommer 2016. Die Regie führte die Zürcher Totalunternehmung Steiner AG, die im Juni 2013 mit der Bauherrschaft einen TU-Werkvertrag abschloss. Steiner erhielt die Aufgabe, die drei bestehenden Schulbauten vollständig und die Sporthalle teilweise zu sanieren, den Erweiterungsbau zu realisieren und die Energieversorgung des gesamten Komplexes zu modernisieren.

Die bestehenden Gebäude wurden bis auf das Stahlskelett zurückgebaut und anschliessend – so weit möglich – in das originale Erscheinungsbild zurückgeführt. Besondere Aufmerksamkeit benötigte dabei die Fassade, eine Neuentwicklung, die Steiner in enger partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Architekten umsetzte. Die Stahlteile ersetzte man durch solche aus Aluminium. Die neu eingesetzten dreifach verglasten Fenster wurden hinter einer Prall-Scheibe angeordnet. Die Fenster lassen sich kippen und sind elektrisch steuerbar. Der Sonnenschutz, Rafflamellenstoren, wurde von der Innen- auf die Aussenseite verlegt. Die Lisenen, die ursprünglich 60 mm kürzer als die Brüstung und der Sturz waren, besitzen nun die gleiche Höhe wie die Abschlüsse. Auch sind sie nicht mehr durchgehend, sondern jeweils in zwei Elemente mit einer trennenden Fuge von 20 mm geteilt. Auch die Befestigungstechnik der Lisenen wurde geändert: anstelle einer neunfach verschraubten Befestigung mit Flacheisen und Fusspfetten kamen durchgehende Aluminiumbleche mit Fräsungen zum Einsatz.

Die Wärmeenergie für die gesamte Anlage wird künftig durch eine im Erweiterungsneubau installierte Holzfeuerung mit Gaskessel produziert. Konvektoren geben die Wärme an die Räumlichkeiten ab, wobei das Verteil- sowie das Wärmeabgabe-System komplett erneuert wurden. Zur Klimatisierung trägt zudem die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlagen mit Kältekreislaufverbundsystem bei. Dazu wurden Platten- und Rotationswärmetauscher eingebaut. Das Luftverteilsystem wurde komplett neu in die abgehängten Decken integriert. Der Erweiterungsneubau trägt das Energie-Label Minergie-P ECO, die sanierten Gebäudeteile streben die Zertifizierung Minergie-Standard Neubau an.

Nicht nur die Entwicklung und Realisierung des Projekts auf dem Strandboden waren eine Herausforderung, auch für den Bauablauf hatte der Totalunternehmer sein ganzes Können aufzubieten. So verdiente der Grundwasserspiegel beim unterkellerten Gebäudekomplex in Fluss- und Seenähe eine besondere Beachtung. Zudem musste während der Bautätigkeiten der ganze Schulbetrieb – teilweise in Provisorien – aufrecht erhalten werden. Trotz dieser nicht alltäglichen Umstände konnte die Steiner AG dieses umfangreiche Projekt pünktlich und innerhalb des gesetzten Kostenrahmens umsetzen.

Die Solothurner Schule

Der Bieler Architekt Max Schlup (1917 – 2013) gehörte zu den Protagonisten der sogenannten Solothurner Schule. Zu dieser gehörten auch Hans Zaugg, Alfons Barth, Franz Füeg und Fritz Haller. Diese informelle Gruppe von Architekten, die ihre Büros zwischen 1945 und 1990 in und um Solothurn betrieben, ist bekannt für ihre reduzierte Architektur-Sprache, ihre Vorliebe für Stahl- und Glaskonstruktionen sowie die gestalterische Verwandtschaft zu Ludwig Mies van der Rohe, einem der wichtigsten Schöpfer der Architektur der Moderne.

Neben dem modernistischen Kongresszentrum hat Max Schlup in Biel auch das Gymnasium Strandboden gebaut und damit das Gesicht der Stadt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt.

Bautafel

Bauherrschaft Amt für Grundstück und Gebäude (AGG), Bern

Architekt Neubau Brügger Architekten AG

Sanierung Bestand Maier Hess Architekten, Schwaar & Partner AG

Totalunternehmer Steiner AG

Ausführung Fassaden Fahrni Fassaden-Systeme AG

HLK Wagner Installations AG

Gymnasium
Der Erweiterungsbau bezieht sich in Stil und Anordnung auf die Anlage von Max Schlup, einem der Protagonisten der sogenannten Solothurner Schule.
Gymnasium
Das Gymnasium mit drei unterirdisch verbundenen Pavillons im Park.
Gymnasium
Drei frei stehende dreigeschossige Volumen stehen auf einem gemeinsamen Untergeschoss.
Gymnasium
Die Südfassade zeigt den energetisch sinnvoll erhöhten Fensteranteil.
Gymnasium
Die neu eingesetzten dreifach verglasten Fenster sind hinter einer Prall-Scheibe angeordnet.
Gymnasium
Klare Linien kennzeichnen die Aussenansicht und den Innenbereich.
Gymnasium
Die Bibliothek wird vom Gymnasium Biel-Seeland und dem Gymnase français gemeinsam geführt.
Gymnasium
Die Gliederung gibt die statische und räumliche Struktur vor.
Gymnasium
Gymnasium
Der Ingenieur-Holzbau ist auf flexible Nutzungen ausgelegt.
Lageplan
Lageplan
Lageplan
Schnitt West – Ost
Schnitt Nord – Süd
Schnitt Nord – Süd
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