Modernes traditionell verstrickt
Mit dem Um- und Ersatzneubau eines denkmalgeschützten Hauses in Thal verknüpfen Kit Architects Traditionelles mit Modernität.
In der Region des Weilers Tobler sind Wohnhäuser mit angebauter Scheune weitverbreitet. Dazu gehört auch ein ehemaliges Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert in Thal am Nordhang des Buechbergs. Ursprünglich war dieses noch mit einem Stall- und Scheunengebäude ergänzt, das jedoch bereits in den Sechzigerjahren zurückgebaut wurde. Seither blieb dieser Bereich unbebaut – bis Kit Architects die volumetrische Lücke schlossen und dem Gebäude Modernität verliehen. Seit 2020 wird dieses um zusätzlichen Wohnraum ergänzt.
Spuren hinterlassen
Die aus Riemenbrettern gefertigte, nach Westen gerichtete Aussenwand des Wohnhauses musste dafür weichen. Starker Holzwurmbefall, eindringende Feuchtigkeit und falsche Lastabtragungen bedrohten deren Standfestigkeit ohnehin. Der übrige bestehende Gebäudebereich war jedoch in gutem Zustand und aufgrund der Strickbauweise mit Sandsteinsockel zudem denkmalpflegerisch besonders erhaltenswert.
Dessen traditionelle Erscheinung war jedoch für die gestalterische Ausrichtung des neuen Gebäudeteils prägend. «Das Haus am Buechberg in Thal lebt von der 300-jährigen Geschichte. All die Besitzer und Bewohner haben ihre Spuren hinterlassen. Unser Ziel war es, möglichst viel von der Originalsubstanz zu erhalten und sichtbar zu machen», erklärt Andreas Schelling von Kit Architects.
Von Überflüssigem befreien
Zur Aufwertung der historischen Bausubstanz musste zunächst ein zur Lagerung genutztes Nebengebäude ebenfalls weichen. Der marode Zustand verhinderte dessen Erhalt, aber ermöglichte die Implementierung einer zweiten Wohneinheit in Form eines Ersatzneubaus. Dieser nimmt die traditionelle Formensprache auf und schliesst nördlich nahtlos an den Rest des Gebäudes an. Um die Raumhöhe, die Belichtung und die Aussicht zum Bodensee im Ersatzneubau zu optimieren, wurde die Traufe der Nordfassade um rund einen Meter angehoben. Eine sandgestrahlte Betonmauer ersetzt die bisherige Sockelmauer aus Bruchstein und folgt dem ursprünglichen Verlauf unter Beibehaltung der charakteristischen Niveausprünge.
Durchfeuchtung des Mauerwerks war ein dauerhaftes Problem beim Haus am Buechberg, das auch künftig nicht vollständig verschwinden wird. Für den bestehenden Bruchsteinsockel an der Ostfassade kam jedoch ein spezieller atmungsaktiver Putz aus Sumpfkalk, natürlichem hydraulischem Kalk und einem speziellen Sand zur Anwendung. Das kapillare Aufsteigen der Feuchtigkeit im Mauerwerk beschränkt sich dadurch auf einen relativ kleinen Bereich, was im Falle eines Zementputzes ein höheres Ansteigen zur Folge gehabt hätte.
Neu strukturiert
Im Gebäudeensemble entsteht ein räumliches Wechselspiel: Schlafzimmer und Nasszelle im Zugangsgeschoss befinden sich innerhalb der Strickbaustruktur. Zusammen mit den neuen Wohnbereichen nutzen sie die grosszügige Raumhöhe der ehemaligen Ökonomieanbauten. Zwei grosse Öffnungen nach Norden setzen malerische Akzente. «Diese bringen die wunderbare Aussicht auf den Bodensee in die Innenräume», schwärmt der Architekt. Das nicht unterteilte obere Geschoss des ehemaligen Schuppens und das neu ergänzte Scheunenvolumen werden als Küche, Wohn- und Essraum genutzt.
Der mittlere Bereich bleibt funktionell: Neben dem Treppenhaus sind im Erdgeschoss der Eingang mit Nasszelle und im Obergeschoss Diele, Ankleide und neu eine zweite Nasszelle zu finden. Aufgrund zum Teil unzureichender Tragfähigkeit und Unebenheiten ersetzte man die bestehende Erdgeschossdecke durch eine Vollholzdecke. Im Zuge der energetischen Sanierung erhielten der bisher ungedämmte Strickbau und Dachboden eine Innenwärmedämmung. Die Kellerdecke bekam eine Wärmedämmung aus Steinwolle. Fenster, elektrische Installationen und Wasserleitungen wurden zudem komplett erneuert. Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe dient als neuer Wärmeerzeuger. Zuvor nutzte man dafür Elektroheizungen und einen mit Holz betriebenen Kachelofen, der auch nach dem Umbau bei Bedarf betriebsbereit bleibt. Dank dieser Massnahmen konnte im bestehenden Wohnhaus unter anderem der Heizwärmebedarf von jährlich 173,3 kWh/m² auf 40,6 kWh/m² reduziert werden.
Konsens gefunden
Eine vertikale Deckleistenschalung dient als neue Fassade und ist zugleich eine Referenz auf die traditionellen Ökonomiegebäude des Weilers. Vor- und Rücksprünge bilden ein strukturgebendes Stilmittel, um auf die horizontale Gliederung des Siedlungsbestands hinzuweisen und dem Gebäude gleichwohl Dynamik zu verleihen. Holzschiebeläden für die Fenster generieren bei Bedarf Beschattung und Sichtschutz. Bis auf die Neupositionierung der Hauseingangstür an der Stelle eines ursprünglichen Fensters blieb die Gebäudehülle des bestehenden Wohnhauses unverändert. Die bestehende Strickbauwand ist im Ersatzneubau weiterhin sichtbar und blieb unverändert. «Der Bauherrschaft ist es gelungen, einen Konsens zwischen den neuen Wohnkomfortbedürfnissen und der Wahrung der historischen Substanz zu finden. Die Architekten haben ein Weiterbauen am Bestand mit einfachen, stilistischen und materiellen Mitteln ermöglicht», so der Jahresbericht der kantonalen Denkmalpflege. ●
Bautafel
Objekt Haus am Buechberg
Standort Thal SG
Bauherrschaft Privat
Fertigstellung 2020
Architektur Kit Architects
Baumanagement Trunz + Wirth
Landschaft PR Landschaftsarchitektur
Holzbauingenieur und Bauphysik Josef Kolb AG
Bauingenieur Brühwiler AG
HLKSE-Ingenieur Comoltech
Elektroingenieur Beratende Ingenieure Scherler AG
Energienachweis IET Ingenieurbüro für Energietechnik
Gebäudevolumen 1527 m3
Geschossfläche 492 m2
Energiedaten des sanierten Wohnhauses (Planungswerte)
Vor der SanierungNach der SanierungEnergiebezugsfläche162,8 m2162,8 m2Heizwärmebedarf173,3 kWh/m2a40,6 kWh/m2aHeizsystemHolzheizungLuft-Wärme-WasserpumpeHeizenergiebedarf251,2 kWh/m2a17,6 kWh/m2a