Betriebskantine mit neuen Perspektiven

Fensterloser Kantinenkeller wurde architektonisch und lichttechnisch optimiert.

Betriebskantine
Architektonische Idee und Beleuchtungskonzept geben dem Mitarbeiter das Gefühl, draußen am Rhein zu sein. Fotos: Johannes Roloff
Fensterloser Kantinenkeller wurde architektonisch und lichttechnisch optimiert.
gun. Nur wenige würden wohl ein Untergeschoss ohne Tageslicht als idealen Ort für eine Cafeteria wählen. Doch dank einem kreativen und intelligenten Entwurf des Frankfurter Architekturbüros ttsp hwp seidel im Zusammenspiel mit dem Beleuchtungskonzept von Licht Kunst Licht fühlen sich die Mitarbeiter eines international agierenden Finanzunternehmens in Düsseldorf nach draußen an den Rhein versetzt. Dabei unterstützt biologisch wirksames Licht den natürlichen Biorhythmus der Besucher.Die Kantine im Untergeschoss eines Finanzunternehmens war ein typisches Kind ihrer Zeit. Strahlt das von HPP Architekten in den 1970er-Jahren errichtete Gebäude mit seiner Fassade aus rotem Granitstein nach wie vor zeitlose Eleganz aus, so war der fensterlose Kantinenraum hingegen sichtbar in die Jahre gekommen. Technik, Beleuchtung und Funktionalität waren mangelhaft, es fehlte an Tageslicht und einem Ambiente, das echte Aufenthaltsqualität bietet. Eine Modernisierung stand dringend an, und das Mitarbeiter-Restaurant und die dazugehörigen Küchenräume wurden im Rahmen einer umfangreichen Umbaumaßnahme architektonisch und lichttechnisch optimiert. Zunächst wurde die verwinkelte und ineffizient genutzte Grundrissorganisation des Küchen- und Gastraumbereichs grundlegend bereinigt und wurden fließend ineinandergreifende Funktionsbereiche kreiert. So konnte die Anzahl der Sitzplätze von 150 auf 200 erhöht werden.

Mehrwert durch künstliches Tageslicht

Eine wesentliche Entwurfsaufgabe bei der Modernisierung der rund 465 m² großen Cafeteria war die Schaffung eines nachträglichen Tageslichteintrags und Außenweltbezugs. Aus statischen Gründen konnten nur kleine Fensteröffnungen vorgesehen werden. Ausführliche Untersuchungen ergaben, dass der Tageslichteintrag daher sehr gering ausfiel und die positiven Eigenschaften des natürlichen Lichts sowie ein Bezug zur Aussenwelt nicht wahrnehmbar waren. «Wir haben Berechnungen durchgeführt und festgestellt, dass es keine Möglichkeit gibt, für ausreichend Tageslicht zu sorgen», kommentiert Lichtplanerin und Projektleiterin Isabel Sternkopf von Licht Kunst Licht.

Der Mehrwert für die Nutzer konnte folglich nur durch eine künstliche Beleuchtung entstehen, die das natürliche Licht unter Einbezug von Tages- und Jahreszeitenverlauf, Dynamik, Lichtfarbe, Lichtrichtung und Lichtintensität simuliert und gleichzeitig die Stabilisierung des individuellen zirkadianen Rhythmus der Nutzer fördert.

Rhein-Panorama schafft virtuellen Bezug zur Außenwelt

So wurde die Idee einer raumhohen, 22 Meter langen, künstlichen Panoramafensterwand geboren, die sich über die gesamte Rückseite der Kantine erstreckt und das fehlende Tageslicht kompensiert, indem sie einen imitierten Bezug zum Aussenraum herstellt. «Die Hintergrundkulisse ahmt eine Aussicht auf den Rhein nach, die man von einem ebenerdigen Raum aus haben könnte», erklärt Isabel Sternkopf. Ein intelligentes Lichtsteuerungssystem reagiert auf die Lichtfarbe und -richtung sowie auf die Beleuchtungsintensität des tatsächlichen Tageslichts im Aussenraum und passt diese Lichtstimmungen im Innenraum automatisch an.

Vom gesamten Ess- und Selbstbedienungsbereich aus sichtbar, zeigt das Panoramafenster eine Arbeit des Künstlers Stephan Kaluza. Für seine Serie «Das Rheinprojekt» dokumentierte er seine Reise entlang der 1233 km des Rheins alle paar Minuten mit einer Kamera. Die Fotografie ist auf gefaltetem Gipskarton aufgedruckt, um Tiefe und Dichte zu erzeugen. Sie wird mit linearen 1,5 Meter langen LED-Profilen mit Tunable-White-Funktion beleuchtet, die hinter der Verglasung im Deckenbereich verdeckt angeordnet sind. Von warmen 2700 Kelvin am Morgen wechselt die Lichtfarbe allmählich auf kühle 6000 Kelvin am Mittag und gegen Abend wieder in wärmere Töne. Ähnliche, ebenfalls hinter der Glaswand bodenmontierte RGBW-LED-Lichtprofile ermöglichen es, das Licht nach oben über die Kulisse zu streifen, um ihre Textur hervorzuheben und zu intensivieren. Diese Lichtelemente erzeugen für die Lichtszenen bei Sonnenauf- und bei Sonnenuntergang Lichtfarben in orangen Tönen.

Erkennbar gegliedert – kontrastreich gestaltet

«Eher Restaurant als Kantine», beschreibt Architektin und Projektleiterin Tanja Nopens von ttsp hwp seidel den Gastraum. Funktional gliedert er sich in vier Bereiche mit unterschiedlicher Beleuchtung, Deckenhöhe und Möblierung: Der größte Bereich mit langen Tischbänken aus Holz unter einer offenen, vollständig weiß gestrichenen Decke ist der zentrale Treffpunkt, um auch in größeren Gruppen essen und sich austauschen zu können. Die für das Projekt entworfenen Holzmöbel schaffen punktuelle warme Akzente, denen wiederum die filigrane schwarze Bestuhlung entgegengesetzt ist. Zentrale Anlaufstelle für die Besucher ist der Free-Flow-Bereich mit der Essensausgabe. Vollständig in Schwarz gestaltet, erstrecken sich seine raumschiffartigen Theken vor der mit übergrossen, weissen Fliesen belegten Trennwand zur Küche. Richtung Aussenwand befindet sich ein schmaler Bereich mit 4er-Tisch-Gruppen, der von den Gebäudestützen und einer niedrigeren Decke gefasst ist und sich für ruhige und auch vertraulichere Gespräche eignet. Dahinter erstreckt sich wie ein Panorama das 22 Meter lange, künstliche Fenster.

Tageslichtähnliche Atmosphäre – sanfte Lichtübergänge

Die Beleuchtung ist einladend, so wie in einem Restaurant. Einige Sitzbereiche sind durch Pendelleuchten akzentuiert beleuchtet, während die grosse, flexibel nutzbare Sitzzone im zentralen Gastraum durch eine gitterartige Lichtstruktur eher gleichmässig illuminiert wird. Die druckvolle Akzentbeleuchtung über den Buffetstationen mit Downlights und einer Farbwiedergabe von Ra > 90 setzt die Speisen farbecht in Szene und wird durch dezente Deckeneinbauleuchten im Wegebereich ergänzt.

Die Farbtemperatur der Wegebeleuchtung sowie der Beleuchtung im angrenzenden offenen Küchenbereich ist ebenfalls variabel und wird simultan mit der Panoramafenster-Lichtwand gesteuert. Sämtliche Leuchten sind unter Berücksichtigung des zirkadianen Rhythmus so programmiert, dass sie eine tageslichtgetreue Atmosphäre schaffen. Durch die sanften Lichtübergänge entsteht der Eindruck, man befände sich in einem Raum mit Tageslichteinfall und lediglich zugeschaltetem, künstlichem Licht.

Mit diesem aussergewöhnlichen Projekt, das bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde – u. a. bei den IALD Awards 2018 mit einem Award of Excellence, bei den IES Illumination Awards 2018 mit einem Award of Merit und mit dem Deutschen Lichtdesign-Preis 2018 in der Kategorie Hotel/Gastronomie – wird das Entwurfsergebnis einer biologisch wirksamen Beleuchtung für einen tageslichtlosen Raum gezeigt, der den individuellen zirkadianen Rhythmus seiner Nutzer respektiert und stabilisiert. ●

Bautafel

Architekten ttsp hwp seidel Planungsgesellschaft mbH

Lichtplanung Licht Kunst Licht AG, Bonn/Berlin

TGA Planung Ingenieurbüro Heiming

Innenausbau Röttlingsberger Innenausbau

Kunst Stephan Kaluza

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Vom gesamten Ess- und Selbstbedienungsbereich aus sichtbar, zeigt das Panoramafenster eine Arbeit des Künstlers Stephan Kaluza.
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Ein intelligentes Lichtsteuerungssystem reagiert auf die Beleuchtungsintensität des tatsächlichen Tageslichts im Außenraum und passt diese Lichtstimmungen im Innenraum an.
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Einige Sitzbereiche sind durch Pendelleuchten akzentuiert beleuchtet, während die große, flexibel nutzbare Sitzzone im zentralen Gastraum durch eine gitterartige Lichtstruktur eher gleichmässig illuminiert wird.
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Lichtelemente erzeugen für die Lichtszenen bei Sonnenauf- und bei Sonnenuntergang Lichtfarben in verschiedenen Tönen.
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